Drei Ärzte für den Schöllkrippener Marktplatz
Main-Echo Pressespiegel

Drei Ärzte für den Schöllkrippener Marktplatz

Versorgung: In Schöllkrippen öffnet am 1. Oktober eine neue Praxis - Digitale Lösungen zugunsten der Patienten
Schöllkrippen  Gu­te Nach­richt für Pa­ti­en­ten in und um Sc­höllkrip­pen: Am 1. Ok­tober er­öff­nen drei All­ge­mei­närz­te auf dem Markt­platz ei­ne neue Pra­xis. In Zei­ten, in de­nen vie­le Lan­d­arzt­pra­xen sch­lie­ßen, ist die Neu­grün­dung von Heinz Kreuz­berg (52), Sa­bi­ne Sau­er (37) und And­reas Coutan­din (34) be­mer­kens­wert. Mit ih­rer Nie­der­las­sung ha­ben sie laut Sc­höllkrip­pens Bür­ger­meis­ter Rei­ner Pist­ner (FW) "ei­nen dro­hen­den Not­stand" in der Re­gi­on ab­ge­wen­det.

Bislang waren die drei Allgemeinärzte im medizinischen Versorgungszentrum in Goldbach angestellt. Nun wagen sie den Schritt in die Selbstständigkeit und gründen gemeinsam eine Praxis neu. Sabine Sauer, die in Hösbach lebt, nennt als Motivation die Lust, etwas Eigenes aufzubauen, für Andreas Coutandin aus Hösbach-Feldkahl spielt auch die bessere Steuerung des Tagesablaufs eine Rolle. Ein weiterer Arzt interessiere sich für die Mitarbeit.

Provisorium auf dem Parkplatz

Einziehen werden die Ärzte in eine 230 Quadratmeter große Praxis in Modulbauweise, die die VR-Bank auf dem Rathausparkplatz hinter dem Maibaum errichten und an die Ärzte vermieten will, wie Matthias Otte, Bereichsleiter Marketing bei der VR-Bank bestätigt. Neben Behandlungsräumen werden hier auch ein Labor, Ultraschall und Elektrokardiographie untergebracht sein. Schlafmedizin und eine Wundexpertin runden das Angebot der Praxis ab.

Laut VR-Bank-Sprecher Otte läuft das Genehmigungsverfahren. Laut Bürgermeister Pistner nutzen den Parkplatz Mitarbeiter des Rathauses und des Geldinstituts. Demnächst werde der Parkplatz an der Industriestraße fertiggestellt, der eine Ausweichfläche bietet. "Ich habe dem Gemeinderat kommuniziert, dass wir auf hilfsbereit eingestellt sind, weil es ein Gewinn ist, wenn Ärzte herkommen."

Dabei blickt Pistner durchaus über den Ort hinaus, denn allein in der Verwaltungsgemeinschaft Schöllkrippen leben rund 14.000 Einwohner. Eine Arztpraxis habe schon ohne Nachfolger geschlossen. Laut der kassenärztlichen Vereinigung, der Selbstverwaltung der Ärzte, ist der Bereich Spessart (von Geiselbach bis Heimbuchenthal) mit der Praxisneugründung nun nach den Richtlinien mit Hausärzten überversorgt. In Wirklichkeit empfinden das jedoch viele Patienten anders.

Viele Gründe für Schöllkrippen

Die Wahl der Ärzte ist aus verschiedenen Gründen auf Schöllkrippen gefallen: Zum einen waren hier Kassenarztsitze verfügbar, die Voraussetzung für Abrechnungen mit der Krankenkasse sind. Zum anderen hatten die Ärzte eine Untersuchung des Wiesbadener Medizinrechtlers Hans-Joachim Schade für die Region Spessart-Kahlgrund in Betracht gezogen, der telemedizinischen Konzepten bei der Weiterentwicklung der Versorgungsstruktur gewisse Chancen eingeräumt hatte.

Auch Kreuzberg, Sauer und Coutandin verbinden mit der Digitalisierung Erwartungen. Das Ziel: Mit technischen Lösungen Zeit bei routinemäßigen Verwaltungsaufgaben sparen, um mehr Zeit für die Patientenversorgung zu haben. Das beginnt zum Beispiel bei der Terminvereinbarung und Anmeldung in der Praxis, die Patienten, die das möchten, im Internet und an einem Self-Check-in-Terminal erledigen können. Sauer erwartet, dass das vor allem junge Menschen nutzen werden, so gebe es am Tresen aber mehr Luft für andere Patienten.

Aber auch in der medizinischen Arbeit wollen die Ärzte das Potenzial digitaler Technik nutzen. Dank Vernetzung mit dem Labor lässt sich schon wenige Stunden nach dem Blutabnehmen abschätzen, ob ein Patient zur Nachkontrolle kommen oder ein Medikament umstellen sollte. Bei Hausbesuchen sollen Tablet-Computer, Laptop und Handy die Papierdokumentation ablösen und das Arbeiten erleichtern. "Das wird am Anfang eine steile Lernkurve", prophezeit Kreuzberg. Voraussetzung für all das sei gewesen, dass Schöllkrippen gute Übertragungsstandards wie DSL und LTE aufweise.

Arzt-Kollegen "heilfroh"

Die Marktgemeinde ist in weiterer Hinsicht ein guter Standort für die Ärzte. Coutandin nennt den Bahnhof, der es auch angehenden Ärzten ermöglicht, für praktische Ausbildungsabschnitte in die Praxis zu kommen. Ohnehin betonen sie, sich als Andockstation für Ärzte mit unterschiedlichen Arbeitszeitvorstellungen und Arbeitsmodellen zu verstehen: Das reiche von der Ärztin, die in Teilzeit angestellt sein wolle bis zum älteren Kollegen, der selbstständig weniger Stunden als in der eigenen Praxis arbeiten wolle.

Und wie blicken die anderen Hausärzte im Ort auf die Allgemeinmediziner? "Wir sind alle heilfroh, dass die Kollegen kommen. Denn in zwei Jahren, wenn Praxen aus Altersgründen schließen müssen, hätte das ein Chaos gegeben", sagt Ingo Jäger (64), der seit 1985 in Schöllkrippen praktiziert.

Sabine Sauer und ihre Kollegen freuen sich auf das Arbeiten in Schöllkrippen: "Wir fühlen uns im Ländlichen sehr wohl."

Hintergrund: Hausärzte in Schöllkrippen

In Schöllkrippen gibt es nach Angaben der Gemeindehomepage vier niedergelassene Allgemeinärzte. Diese sind Ingo Jäger, Andreas Schreiber, Thomas Hoffmann und Manfred Roth. Die Ärzte Roth und Hoffmann haben in ihrer Praxis mit Ulrike Drescher zudem eine Allgemeinmedizinerin angestellt. In Schöllkrippen und seinen Ortsteilen leben rund 4200 Einwohner.

Der Ort hat jedoch für die Region Kahlgrund-Spessart die Funktion eines überörtlichen Zentrums: Menschen aus den umliegenden Orten wie Krombach, Geiselbach, Heigenbrücken oder Heinrichsthal kommen auch hierher für Einkäufe oder Arztbesuche. Laut Schöllkrippens Bürgermeister Reiner Pistner (FW) betreut die örtliche Sozialstation ein Einzugsgebiet mit etwa 20.000 Einwohnern.

26.07.2019
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